Bildungsreform

Die vorangegangenen Betrachtungen zeigen unter anderem, wie viel unsere Gesellschaft von der Schule erwartet, welche Bedeutung ihr in einem direktdemokratischen Staat zukommt. Pestalozzi   wollte mit einer ausgeglichenen Bildung   von Kopf, Hand und Herz die künftige menschliche Gesellschaft verbessern, sah also die Gesellschaft als Funktion der Schule. Seine Ideen haben den Aufbau der Schulen weltweit beeinflusst. Viele Jahrzehnte lang war eine breite humanistische Bildung oberstes Ziel der Arbeit in der Volksschule. Noch 1960 war nach Professor Montalta   das Ziel aller Bildung „der in allen Bereichen seines Personseins entwickelte und ertüchtigte Mensch, der sich entfalten kann zu leiblicher, geistiger und seelischer Gesundheit, zu einem geweckten, selbständig denkenden Geistwesen, zu sittlicher Reife und Gewissenstreue, zur Aufgeschlossenheit für Schönes und Gemütvolles, zu sozialer Gesinnung   und politischer Einsicht, zu Arbeitsfreude und Berufstüchtigkeit, über die Heimat- und Volksverbundenheit zu Weltoffenheit   und zur Gottverbundenheit“. Solche Zielsetzungen verloren in den letzten Jahrzehnten als Folge der schnellen technischen Entwicklung, der Veränderungen in der Gesellschaft, der Achtundsechziger-Bewegung   und der kategorischen Forderungen von Seiten der Wirtschaft zusehend an Bedeutung. Wissen erhielt erste Priorität. Kurzfristige Interessen favorisierten die sogenannt nützlichen Fächer, die musischen und die handwerklichen gerieten immer mehr ins Abseits. Von Pestalozzis Kopf, Hand und Herz blieb fast nur der Kopf. Die Schule wurde zu einer Funktion der heutigen Gesellschaft. Einsichtige Pädagogen haben diese Entwicklung längst als Irrweg erkannt. Schulreformen , seit Jahrzehnten im Gespräch, müssen entschlossener angepackt werden.

Wir wollen das Bad nicht mit dem Kind ausschütten. Im internationalen Vergleich stehen unsere Schulen nicht schlecht da. Aber die in den letzten Jahren im Gefolge von antiautoritärer Erziehung , Verunsicherung , Ueberfremdung   und Kriminalisierung aufgetretenen Missstände, die Schule und Gesellschaft in arge Schieflage gebracht haben, werden uns vor allem staatspolitisch über Jahrzehnte beeinträchtigen. Die Folgen der Achtundsechziger-Bewegung   auf die Schule dagegen können schnell und wirksam vermindert werden, wenn wir wieder Lehrer   ausbilden und wählen, welche sich der Eidgenössischen Gesinnung   verbunden fühlen. Im übrigen liegt es an unseren Politikern, im Umgang mit den Problemen Einwanderung, Asylwesen und Kriminalität   dafür zu sorgen, dass in unseren Schulstuben   wieder Ruhe einkehren kann.

Einsichtige Lehrpersonen arbeiten landauf landab daran, die Bedürfnisse einer humanistischen Bildung   mit den Forderungen der realen, materialistisch orientierten Welt wieder in Einklang zu bringen. Verschiedene grössere und kleinere Retuschen haben einige Verbesserungen gebracht. Aber diese Reformen griffen zu wenig tief, blieben meist an der Oberfläche, im organisatorischen Bereich stecken. Die Methodik der Demokratie ist eben die der kleinen Schritte. Nötig ist die Rückbesinnung auf den verbrieften Generalauftrag an die Volksschule, wonach jedes Kind Anrecht hat auf eine seinen Anlagen und Neigungen entsprechende Grundausbildung . Demgegenüber verlangt unsere Gesellschaft, dass der junge Mensch am Ende der obligatorischen Schulpflicht soweit ausgebildet ist, dass er im Erwerbsleben   selbständig bestehen kann. Der offensichtliche Widerspruch hätte längst beseitigt werden können, wenn man den Mut gehabt hätte, das am Schulende zu beherrschende Pensum, die eiserne Ration, klar zu definieren. So wucherten die Kopffächer, für Hand und Herz und für der persönlichen Neigung entsprechende freigewählte Stoffe blieb immer weniger Zeit. Schade um die verpasste Chance. Es gab nämlich bezüglich eiserner Ration bereits um 1960 herum konkrete Vorstellungen. Wären wir damals konsequent diesen Weg gegangen, hätte der revolutionäre Achtundsechziger-Geist   in unserer Schule nicht so fruchtbaren Boden gefunden. Die Methode verwirft die vorgefasste Meinung, der Schüler habe die Neugier bereits verloren und wolle eigentlich nicht lernen. Sie erhebt das Gegenteil zum Grundsatz. Die eiserne Ration wird in kleine, einige Lektionen oder Studiumstunden umfassende Pakete aufgeteilt, die der Schüler, soweit erforderlich in der vorgegebenen Reihenfolge, seiner Reife und der momentanen Interessenlage entsprechend weitgehend selbständig bearbeitet. Die Erfüllung der Aufgabe wird nach erfolgter Prüfung in ein Attestheft eingetragen. Wer nicht erfüllt, bearbeitet den Stoff nochmals, vielleicht etwas später. Die die Selbstachtung zerstörende Repetition von Schuljahren kann dadurch vollständig umgangen werden. Schneller lernende Kinder müssen nicht mehr gelangweilt auf die Langsameren warten, ihnen stehen weiterführende Lernprogramme zur Verfügung. Der Lehrperson entsteht Mehrarbeit, mindestens andere Arbeit. Der Einwand aber, diese Art Unterricht sei organisatorisch nicht machbar, ist nicht stichhaltig. Da das Kind seinen Entwicklungsablauf nicht bestimmen kann, darf es nicht in ein starres System gepresst werden. Die Schule hat viel mehr die Voraussetzungen zu schaffen, dass der heranwachsende Mensch sich tatsächlich und auch bezüglich zeitlicher Staffelung seinen Anlagen und Neigungen entsprechend entfalten und bilden kann. Pestalozzi   hat sinngemäss gesagt, der Lehrer   müsse nur dafür sorgen, dass sich die Kinder in der Schule wohl fühlen, alles weitere könne er nur hoffen.

Inzwischen wurde die Schule durch die rasante Entwicklung überholt. Zwei Phänomene diktieren die Gestaltung der künftigen Schule. Einmal wird das Bestreben, alles zu wissen illusorisch, denn Wissen und Können der Menschheit verdoppeln sich in immer kürzeren Zeitabständen. Was gestern als richtig galt, ist oft heute schon falsch. Zweitens bewirkt der Computer   eine revolutionäre, kaum vorstellbare Veränderung unserer Lebensweise, deren Auswirkungen sich die Schule nicht verschliessen kann. Der Computer, über Internet   mit der ganzen Welt verbunden, kann unendlich viel Wissen speichern und uns jederzeit wieder zur Verfügung stellen und fast jede gewünschte Information vermitteln. Viel wissen ist daher nicht mehr alles, das Richtige wissen und damit umgehen können, wissen wo Wissen zu holen ist, wird im kommenden virtuellen Zeitalter gefordert sein.

Was bedeutet dies für unsere Schule? Der grossartige Gewinn liegt darin, dass sie zum humanistischen Bildungsziel zurückkehren kann. Neben einer breiten, Kopf, Hand und Herz berücksichtigenden Allgemeinbildung , wird die Forderung nach dem Erwerb der eisernen Ration dabei entscheidend wichtig. Analphabeten   haben auch in der virtuellen Arbeitswelt   keine Zukunft. Noch mehr als bisher müssen wir ein Leben lang lernen. Die künftige Schule hat den Schüler daher vorab das Lernen zu lehren.

Die organisatorischen Schwierigkeiten bei der Ermöglichung eines individuellen Lerntempos fallen weitgehend weg, wenn pro Kind ein PC und die oben erwähnten Lernprogramme als Software für das Selbststudium zur Verfügung stehen. Der Lehrer   wird vom Pauker zum Berater, Koordinator, Helfer. Gestraffter Stoff und konzentriertes Lernen schaffen Freiräume für erzieherische, kulturelle und staatspolitische Klassengespräche, für die musischen Fächer und gemeinsame Unternehmungen ausserhalb des Klassenzimmers, Sommer- und Winterlager zu Stadt und Land, in Gruppen bewältigte Semester- und Projektarbeiten . Die brutalen Uebertrittsprüfungen fallen auf den unteren Stufen weg. Ueber den künftigen Lebensweg entscheidet nicht mehr ein einmaliger Test. Die Trennung in Real- und Sekundarschule   entfällt. Die längst als Idealform erkannte Gesamtschule   kann wieder Wirklichkeit werden. Den Umgang mit dem Wissen, aber vor allem auch das korrekte Verhalten im Team, Sozialkompetenz , lernen die Kinder in Gruppen- und Projektarbeiten. Verschieden Begabte arbeiten zusammen, Theoretiker und Praktiker ergänzen sich, jedes kann seine Stärken einbringen. Es zählt das Gruppenresultat, Noten , und damit Strebertum und Mogeleien entfallen, da unnötig und sinnlos. Die periodische Beurteilung bezeichnet mit Worten den Stand auf dem Weg hin zur eisernen Ration und zur Entwicklung der persönlichen Anlagen.

Es ist so verständlich wie unnütz, wenn der humanistisch gebildete Pädagoge sich darüber grämt, dass der Computer   in der künftigen Schulstube den Lehrer   teilweise ersetzen soll. Der Computer ist Realität, er wird für weite Kreise zum wichtigsten und zugleich alle verbindenden Arbeitsgerät. Der PC ersetzt teilweise Schiefertafel, Schulheft und Ordner - ob uns das passt oder nicht. Die Spielzeugindustrie investiert Unsummen in bereits von kleinen Kindern heiss begehrte elektronische Spielzeuge. Die heranwachsende Generation lernt im doppelten Sinn spielend den Umgang mit dem Computer und damit gekoppelt auch Englisch   als Sprache der künftigen international vernetzten Arbeitswelt . Wer Englisch als erste Fremdsprache fordert, rennt daher wohl offene Türen ein. Computer, Medien und Werbung sorgen dafür, dass unsere Schüler früher und leichter Englisch lernen als die deutsche Schriftsprache.

Nicht abgedeckt durch die geschilderte Lernform ist die bisher zu wenig beachtete vorschulische Bildung . Wir wissen zwar, haben aber nicht genügend umgesetzt, dass die Förderung von Kopf, Hand und Herz in den ersten Lebensjahren von grösster Bedeutung ist. Die englischen Privatschulen beweisen seit Jahrzehnten, über welch riesige Aufnahmefähigkeit das Kleinkind   verfügt. Unsere in England   aufgewachsenen Nichte und Neffen beherrschten bereits mit vier Jahren ein beträchtliches Grundwissen, wie beispielsweise die Monatsnamen, die Masse oder die einfachsten gemeinen Brüche als Voraussetzung für die Aufnahme in die erste Klasse. Eine derartige Förderung ist jedoch nur möglich, wenn bis zum Schuleintritt immer mindestens ein Elternteil mit entsprechender Ausbildung   zu Hause ist oder Hilfe angeboten wird.

Die geschilderte Methode eignet sich nicht nur für die Volksschule. Sie ist auch die ideale Unterrichtsform für Berufs- und Mittelschulen. Sie entspricht der heutigen Arbeitsweise in den meisten Bereichen des Berufslebens und bildet eine gute Voraussetzung für den Eintritt in die wachsende virtuelle Arbeitswelt . Zugleich bringt sie uns die Schule, die einer direkten Demokratie gebührt, ja die diese erfordert. Gruppen- und Projektarbeit fördern Gemeinschaftssinn , Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Toleranz , selbständiges und kritisches Denken, Zuverlässigkeit, Auftragstreue, Unternehmungsgeist und Leistungswille. Bürgerliche Tugenden, welche vom Achtundsechziger-Geist   aus den Schulstuben   verdrängt wurden obschon oder gerade weil sie nötige Eigenschaften eines demokratischen Bürgers sind.

Und wo lernt die Lehrperson dieses neue Lehren? Pestalozzi   würde hierzu die Seminarien   empfehlen, die wir abzuschaffen eben im Begriffe sind. Schade, es ist kaum möglich, dass die Gymnasien   mit dem heutigen Schulbetrieb und den hohen Anforderungen geeignet sind, die für den künftigen Lehrberuf unabdingbare Sozialkompetenz   in gleicher Weise zu vermitteln.

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